Klare Worte

Die Redebeiträge der Vertrauensleute auf der Betriebsversammlung

Am 11. und 12. November wurde bei Amazon in Leipzig Betriebsversammlungen abgehalten. Darin wurden verschiedene Punkte abgehandelt, die die Amazon Beschäftigten in ihrem Arbeitsalltag interessieren. Eine Besonderheit dabei ist, dass die Mitarbeiter auch die Möglichkeit haben, dort selbst zu Wort kommen zu können. Diese Möglichkeit nutzten zwei Vertrauensleute, Patrick Burkhardt für die Spätschicht und Christian Rother für die Frühschicht. Beide Redebeiträge fanden großen Zuspruch bei den Kollegen, was sich am Applaus und Begeisterungsrufen zeigte. Auch später bedankten sich viele für den Mut und die klaren Worte. Am Ende der Betriebsversammlung der Frühschicht am 12. November kam es sogar zum Streik.

Beide Redebeiträge hatten Lohn und Wertschätzung zum Thema und werden an dieser Stelle vollumfänglich wiedergegeben.


Patricks Rede vom 11. November 2015

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

ich möchte hier etwas zu unseren letzten All Hands sagen
Dort wurde an unseren Standortleiter eine Frage gestellt. Dietmar, was ist für DICH Wertschätzung?
Dietmar hat geantwortet bzw. Wikipedia hat geantwortet.
Darüber war ich ziemlich enttäuscht, da ich erwartet hatte das, jemand der eine solche Position besitzt, Wertschätzung aus dem eigenen Repertoire heraus interpretieren kann und es nicht erst bei Wikipedia nachschlagen muss.

Wertschätzung setze ich mit Respekt und Anerkennung gleich.
Und hier wurde auch gesagt das wir uns das erst verdienen müssten.
Dem stimme ich nicht zu. Ich denke das Jeder, der schon mehrere Jahre in diesem Unternehmen tätig ist, sich die Wertschätzung eigentlich schon längst verdient hat.

Wertschätzen kann ich meine Kollegen mit lobenden Worten, Danksagungen etc. Aber ich kann auch Wertschätzung anders zeigen. Ich sage es einmal mit Amazonischen Worten. Wir Investieren!

Amazon hat im letzten Viertel-Jahr einen Umsatz von 25,6 Milliarden Dollar gehabt. Davon sind 79 Millionen Dollar Reingewinn. Die aber, wie man es immer sagt, Investiert werden. Neue Standorte, neue Technik das alles sind Dinge in die man investiert. Doch ich bin der Meinung, dass man auch in eine andere Zukunft investieren sollte. Diese Zukunft sind WIR.

Wir sind diejenigen die Amazon zu dem gemacht haben, was es heute ist. Nämlich den erfolgreichsten Versandhändler im Netz und WIR werden auch weiterhin dafür sorgen, dass es so bleibt. Also sollte man auch in UNS Investieren. Damit meine ich Zuschüsse das ganze Jahr über, nicht nur im 4 Quartal. D.h. Spätschichtzulage ab 20 Uhr, Nachtschichtboni ab 22 Uhr. Ein anständiges Weihnachtsgeld und, wie Herr Kleber es in einem Interview erwähnte, endlich ein Urlaubsgeld! ( Was wir seiner Meinung nach ja angeblich bekommen, ich aber noch nie auf einen Lohnzettel gesehen habe ... )

Auch ist eine Pausenregelung, zugunsten des Arbeitnehmers hier von Vorteil und nicht, wie Amazon es will, zugunsten des Arbeitgebers.
Das sind alles Dinge die man schon längst hätte machen/ändern können, aber leider trampelt man da wie ein bockiges Kind auf der Stelle, wodurch die Frustration der Mitarbeiter steigt und sich in Streiks entlädt.

Und dann gründet man Arbeitsgruppen, um mehr auf die Interessen der Mitarbeiter einzugehen, anstatt sich selbst bei seinen Mitarbeitern umzusehen und aus EIGENER Initiative zu handeln!

Das Amazon sogar ein 13tes Monatsgehalt zahlen kann, zeigen uns unsere Franz. Kollegen. Dort ist die Gesetzgebung so, dass sich der Betrieb, einmal im Jahr, mit der dort ansässigen Gewerkschaft an einen Tisch setzt und verhandeln muss. Dabei entstand das 13te Monatsgehalt für die Kollegen und Kolleginnen, mit einer Höhe von 1600 Euro Netto!
Und das können wir auch haben! Das Geld ist da! Nur will man das seitens des AG nicht.

Da hantiert man lieber mit Dingen, wie einen eigentlich Lohn von 13 Euro, wo man das Weihnachtsgeld und die ständig schwankenden, geisterhaften Zahlen des PRP und der Aktien mit einbezieht.
Hier ist noch enormer Handlungsbedarf und da müssen wir auch laut werden um Gewisse Dinge zu erreichen und ich bin auch sehr zuversichtlich, das wir das alle zusammen, schaffen werden!


Christians Rede vom 12. November 2015

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen

Im Oktober hat Amazon seine Quartalszahlen des vorangegangenen Quartals veröffentlicht. Dabei machte unser Unternehmen einen Gewinn von 79 Millionen US-Dollar, bei einem Umsatz von über 25 Milliarden Dollar. Damit ist es ganz klar eines der weltweit finanzstärksten Unternehmen. Wenn es allerdings um die Entlohnung der Mitarbeiter geht, dann vergleicht es sich mit lokal ansässigen Firmen, nicht mit anderen Global Playern.
Während der Umsatz um 23 Prozent gestiegen ist, stieg unser Lohn um ca. 2,5 Prozent. Das ist ein Wert, den man im Portemonnaie so gut wie überhaupt nicht wahrnimmt.

Statt uns allerdings in einem angemessenen Maß an dieser Entwicklung teilhaben zu lassen, wurden wir außen vorgelassen. Es kommt aber noch dicker: Nicht nur, dass unser Lohnzuwachs kaum spürbar war und im Vergleich zu Umsatz und Gewinn richtig mickrig daher kommt, wird er von der Geschäftsleitung auch noch schön-gerechnet. Im letzten All-Hands wurde uns ja vorgerechnet, dass wir doch einen zusammengesetzten Stundenlohn von ca. 13 Euro hätten. Auf meinem Lohnzettel findet sich jedoch eine andere Zahl, keine 13 Euro.

Im selben All-Hands wurde auch von Wertschätzung gesprochen, ein Wort, dessen Bedeutung jedoch erst nachgeschlagen werden musste. Für mich und viele andere hat allerdings weder der Lohn, den wir jetzt verdienen etwas mit Wertschätzung zu tun, noch die Schönrechnerei unseres Lohnes und auch nicht, dass wir nicht in gebotenem Maße am Erfolg des Unternehmens beteiligt werden.

Im selben Zeitraum ist Amazon Gründer Jeff Bezos auf Platz 3 in der Liste der reichsten Amerikaner aufgestiegen. Ein sozialer Aufstieg ist mit dieser „Gehaltserhöhung“ und diesen (neu angekündigten) Zuschlägen aber unmöglich.

Schauen wir doch einmal nach Frankreich. Dort sieht der Gesetzgeber vor, dass Unternehmen einmal im Jahr mit den Gewerkschaften verhandeln müssen. Die für Amazon zuständige Gewerkschaft CGT, hat für die dort tätigen Amazon Angestellten ein dreizehntes Monatsgehalt ausgehandelt. Dieses dreizehnte Monatsgehalt beträgt 1600 Euro Netto.

Nun spricht Amazon immer gern von seinem Europaweiten Standard, wenn es um interne Abläufe geht oder seinen Interessen entspricht. Bei der Bezahlung hingegen spricht man eigenartigerweise nicht von einem EU-Standard.

Betrachten wir doch auch einmal, wie Amazon sonst mit Geld umgeht. Da wird in Unmengen von Material und Arbeitsstunden investiert um einen Bereich zu verändern, nur um ihn dann wieder in seinen Ursprungszustand zurückzuversetzen. Das verursacht alles unnötige Kosten, die man besser ausgeben könnte. Für einen wertschätzenden Lohn zum Beispiel. Hieran sieht man, dass das Geld im Unternehmen vorhanden ist.

Für mich drückt sich die Wertschätzung eines Arbeitgebers gegenüber seinen Angestellten in der Bezahlung aus. Werden Arbeitnehmer nicht in der Weise bezahlt, wie es der Umsatz zum Ausdruck bringt, schätzt es seine Mitarbeiter einfach nicht wert.

Um das zu ermitteln wurde extra die Arbeitsgruppe Wertschätzung ins Leben gerufen. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen. Die Geschäftsleitung kann doch einfach mit seinen Mitarbeitern in einem angemessenen Rahmen darüber sprechen. Dafür haben wir uns schließlich eine Arbeitnehmervertretung gesucht, die man für wertschätzende Lohnverhandlungen ansprechen kann. Ich würde vorschlagen dies auch zu tun.

Vielen Dank

Dieser Artikel wurde bisher nicht kommentiert.
Diesen Artikel kommentieren >>
(C) 2014 ver.di - Fachbereich Handelzuletzt aktualisiert: 06.04.2019